Images zur Person:
Künstlerisch ausgebildet wurde Thomas Bauer an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Dort hat er 2012 sein Diplom in experimenteller Gestaltung bei den Professoren Jörg Eberhard und Claudius Lazzeroni gemacht. Er arbeitet er als bildender Künstler und Designer in Aachen.

Arbeitsweise:
Thomas Bauers voneinander unabhängigen Werkreihen basieren jeweils auf einer Experimentierphase im Atelier. Hierbei werden zufällig und ungeplant unterschiedliche Materialien kombiniert und miteinander getestet – bis sich irgendwann eine reduzierte Versuchsanordnung ergibt, die zu einer neuen Reihe führt. Somit steht am Anfang immer der Zufall und am Ende eine versuchsanordnungsbedingte Formsprache, die weder mit den vorherigen noch den nachfolgenden Werkgruppen vereinbar sein muss. Die Festlegung auf nur eine Gestaltungsform wird somit systematisch verhindert. Es entstehen figurative Werke, konzeptionelle Arbeiten und Abstraktionen.

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Texte


Thomas Bauer legt in seiner neuen Reihe -minus12Grad- besonderen Wert auf die grobe Materialität seiner Arbeiten. Abgenutzte Luftpolsterfolie, Plastikfolie mit Typografie, farbige Isolierbänder, Gaffatapes, Kartonverpackungen und Papierfetzen bilden die Basis für seine atmosphärischen Szenarien. Mit Lackspray, Kohlestiften, Öl- und Acrylfarben werden seine Figuren und Gegenstände in übereinander gelagerte, abstrakte Flächen eingearbeitet. Mal malerisch, mal grafisch detailreich aufgebaut, verschmelzen die Figuren mit dem Bildgrund. Eine Mixtur aus Verfall, Gewalt, unbehaglicher Vereinsamung und monotonen Handlungen wird schematisch angedeutet und kompositorisch in die profanen Materialien der Alltagskultur eingebettet. Die vereinzelt positionierten Protagonisten bieten zwar verschiedene Ansätze zur Interpretation der Bilder. Doch die Ebene einer eindeutig lesbaren Narration wird durch die collagierte Versatzstückhaftigkeit mit zerschnittenen Leinwandfetzen, gekratzten Farbflächen, übermalten Schichten und grafischen Fragmenten blockiert. Die malerischen Mittel und die Spuren der Bildherstellung selbst dominieren die Bildinhalte und bieten verschiedene Wahrnehmungsmöglichkeiten an. Unterschiedlich bearbeitete Oberflächen und verlaufende Farbstrukturen führen zu einer visuellen und sinnlichen Erfahrbarkeit der Gestaltungselemente. Thomas Bauer ordnet seiner Reihe im Titel eine Temperatur zu und verweist damit auf seine persönlich-sinnliche Wahrnehmung der Bilder. Tiefenwirkungen entstehen nicht nur durch die Regeln der Perspektive, sondern auch durch die Schichtungen der Materialien und Farbflächen. Die Figuren suggerieren einzelne Bewegungsabläufe und bieten die räumlichen Fixpunkte in einer abstrakt-konstruierten Bildumgebung. Zur kalkulierten Konstruktion gehören auch farbige Klebebänder, die wie ein Liniensystem funktionieren und gegenläufige Richtungen über den Bildrand hinaus akzentuieren. Die gegensätzlichen formalen Tendenzen seiner Malerei sind jedoch immer ausbalanciert und führen zu einem kompositorisch ausgefeilten Gesamtkonzept. Autor: Nicole Thelen M.A.

Es sind atmosphärsche Szenarien, die überwiegend nur jeweils eine realistisch gemalte Figur zeigen. Der Titel „minus12Grad“ markiert eine Temperatur. Diese lässt sich assoziativ nachvollziehen, denn nicht nur das Christusbild zeigt eine gequälte Kreatur, auch alle anderen Figuren leben nicht im „Land des Lächelns“, sind extrem unfroh, zeigen gepeinigte Mienen oder zum Schrei verzerrte Fratzen. Es ist eine deprimierende Mischung aus Gewalt, Vereinsamung, Monotonie, Ermüdung und Verfall; nicht einmal ein Gartenzwerg und ein Wohnwagen atmen etwas von den Fluchtmöglichkeiten in die Idylle. Lexikalische Erklärbarkeit und eindeutige Interpretierbarkeit der Bilder hat Thomas Bauer nicht angestrebt; sie sind – wie viele seiner Arbeiten – assoziationsoffen und werden zur Reflexion angeboten. All diese vom Leben Gezeichneten kombiniert er mit einer wie kontaminiert erscheinenden Umwelt, deren chaotischer Eindruck durch einen vielfältigen Mix von übereinander gelagerten malerischen und grafischen, abstrakten und informellen Schichten, graffitihaft aufgesprühten Lacklineaturen, gekratzten Farbflächen, Übermalungen und profanen Materialapplikationen evoziert wird. Thomas Bauer integriert alte Tageszeitungen, Plastikfolien mit Typografie, benutzte Luftpolsterfolien, farbige Isolierbänder, Gaffatapes, Fragmente von Kartonverpackungen und Papierfetzen. Auch die farbigen Klebebänder sind Teil eines kompositorisch durchdachten Gesamtkonzepts, indem sie wie ein Leitliniensystem funktionieren und gegenläufige Richtungen über den Bildrand hinaus akzentuieren. Diesen Aspekt verstärkt Thomas Bauer in der Ausstellung „Bleib mir vom Leib“ noch, denn er steigert seine Hängung durch Ausdehnung der Bildflächen zu einem plastischen 360 Grad-Raumerlebnis, indem er die Wandflächen zwischen den Bildern und um sie herum spontan mit Zeitungen und Folien beklebt, diese ebenfalls besprayt oder anderweitig bearbeitet, Papier als plastische Werte in die Ecken knüllt und divergente Richtungswerte mit Tesakrepp markiert. Text: Carsten Roth

Aus 15 Grundmodulen, vertauschbare Leinwände frei nach dem Lego- oder Memory-Prinzip, baut Bauer flexible Bilderketten auf. Bis zu 100 Varianten sind möglich, je nachdem, ob er einzelne Bilder zu zwei-, drei- oder gar zehnteiligen Folgen kombiniert. Jede Bilfläche ist so komponiert, dass die Kombination eines Grundmoduls mit anderen ein neues Bild mit neuer Bedeutung kreiert. So flexibel hat man Kunst noch nie gesehen, eine freie Erzählung in non linearer Dramaturgie, voller Gedankensprünge und offen für freie Assoziation, ohne dass der Bildinhalt ins Beliebige abdriftet. Denn Bauer weiß, welche Motive er kombiniert. Es sind solche, die ihn “anspringen³: Dynamische urbane Motive aus dem Internet, Gesichter, Tier- und Figurfragmente. Keine fertigen Ideen vermalt er, sondern einen multimedialen Stil- und Motivmix, frei zusammengestellt aus dem Supermarkt postmoderner Möglichkeiten. Ebenso frei ist die Malweise: expressiv, grafisch linear, plastisch und kubisch, je nachdem, wie sich Architekturen mit Maschinen, Schlangenköpfe und anthropomorphe Formen vermischen. Medusen der griechische Mythologie tauchen auf, Mangas und europäische Malerei. Das alles ist hier kein Widerspruch, sondern ein spannungsreiches Gemisch aus einem dynamischen Ideenpool. In der Wirtschaft hat man das Prinzip flexibler Einheiten schon seit langem entdeckt. Doch während es in der Warenproduktion der beschleunigten Umsatzsteigerung dient, ist es in Bauers Kunst umgekehrt. Je mehr Module er baut, desto langsamer funktioniert die Malerei, da die Komposition ausgefeilt und durchdacht sein will. Denn sonst klemmt das Konzept und eine flexibles Bild verliert sich in Sinlosigkeit. Im K29, Ricarda Fox, Kreuzeskirchstraße 29, Text von Christiane Dressler - 2012/03 www.ruhrkunst.com Copyright Galerienkooperation Christiane Dressler/Torsten Obrist

Bei dieser Serie handelt es sich um ein modulares System aus achtzehn gleich hohen, teils unterschiedlich breiten Leinwänden. Diese Bilder sind in vielfältiger Weise miteinander kombinierbar. Dazu mussten sie kompositorisch so angelegt werden, dass motivisch, formal oder koloristisch ein Anschluss zu anderen Werken der Reihe gegeben ist. Mit den Modulen lässt sich additiv ein bis zu elf Meter breiter zusammenhängender Bildstreifen erzeugen, der sich durch Austausch zu über 100 Variationen mit differierenden Inhalten verändern lässt. Je nach Wandbreite sind aber auch schmalere Kombinationen mit nur vier, drei oder zwei Elementen möglich. In seiner 2013 als Buch publizierten Diplomarbeit mit dem Titel „Malerei im Kompatibilitätsmodus“ hat Thomas Bauer die konkreten Auswirkungen seines Experiments auf formale, koloristische und inhaltliche Aspekte der Bildsprache analysiert, die Erzählstrukturen der zusammensetzbaren Bildinhalte beschrieben und die Dramaturgie und narrative Logik seines flexiblen Systems hinterfragt. Text: Carsten Roth

Konkurrierende Linienschichtungen werden zu Bewegungsabläufen, menschliche Körperformen werden filetiert und in Flächen aufgelöst. Die malerischen Mittel reduzieren sich hierbei gezielt auf das Zusammenspiel von zwei Farben, Kohle und dem durchscheinenden Weiß der Leinwand. Der dadurch entstehende hohe grafische Abstraktionsgrad lässt dem Betrachter immer wieder neue Möglichkeiten, die dargestellten Szenarien zu interpretieren. Die Expressivität der Arbeiten entsteht durch einen schnellen Malprozess, der die angedeuteten Körper organisch unperfekt dem klinischen Weiß der Leinwand entgegensetzt. Die figurativen Elemente bleiben sperrig – sie entziehen sich anatomischer Genauigkeiten und einer inhaltlichen Lesbarkeit. Sie bleiben unverträglich.

Einen ganz anderen Eindruck vermittelt die 2014 entstandene Reihe „unverträglich“ im mittelgroßen Kellerraum. Im Gegensatz zur düsteren Serie „minus12Grad“ wirkt sie aufgrund des alle Gemälde vereinenden weißen Bildgrundes außerordentlich hell und freundlich. Auf scheinbar immateriellen Flächen ereignen sich expressive Begegnungen roter, türkiser und schwarzer Linien, die Körperfragmente umreißen. Dem luziden Eindruck dieser inhaltlich, formal und koloristisch sehr geschlossenen Reihe gibt Thomas Bauer im Rahmen der Ausstellung „Bleib mir vom Leib“ durch eine installative Rauminszenierung eine ganz andere Richtung, die sowohl dem Serientitel „unverträglich“ als auch dem Ausstellungstitel „Bleib mir vom Leib“ neue Facetten abgewinnt. Er hat nämlich in der Mitte des Raumes den Torso einer nackten Kinderpuppe auf einem Müllbeutelständer platziert. Irgendwo auf dem Boden liegt ein abgetrennter Arm der Puppe. Ihr ist man offenbar nicht vom Leib geblieben. In Verbindung mit dem grellen Neonlicht strahlt der Raum, in dem die Gemälde an den Wänden wie anatomische Schautafeln oder Röntgenbilder anmuten, etwas Steriles aus, das an Operationssaal, Abtreibungsklinik, Organhandel oder Dr. Frankensteins Laboratorium denken lässt.

Thomas Bauers aktuelle Bildreihe heißt „Zeichen und Wunder“. Der Titel basiert auf dem Umstand, dass zwar gegenständliche Motive wie ein Verkehrsschild, ein Blumentopf, ein menschliches Gebiss, ein Schwein mit fleischerhandwerklicher Verwertungseinteilung oder das von Wilhelm Buschs Max und Moritz heimtückisch zu Tode verstrickte Federvieh der Witwe Bolte dargestellt sind, jedoch – mit Ausnahme einer weiteren Topfpflanze – nicht plastisch-räumlich, sondern in der zeichenhaften Form schematischer Umrisszeichnungen, wie sie etwa in Lehrbüchern vorkommen. Kombiniert sind diese Zeichen mit informeller Farbmaterie, geometrischen Zickzacklinien und Rasterstrukturen, die Vorläufer im Konstruktivismus und der Op-Art haben. In dieser Serie geht es Thomas Bauer, der laut eigener Aussage eine „Abneigung gegen das allzu Ordentliche“ hegt, um Ordnung und Unordnung respektive Ordnung und Chaos. So wird etwa die geometrische Ordnung eines gemalten QR-Codes durch einige chaotische rote Pinselstriche beziehungsweise Zahlen „gestört“. Die Sujets sind bei dieser Reihe eigentlich unwichtig. Der Figur kommt nicht mehr Bedeutung zu als den ungegenständlichen Komponenten der Bilder, denn Thomas Bauer geht es um das Spannungsverhältnis von beiden. Er hat diese Bilder zum Bestandteil einer großen Rauminstallation gemacht, bei der die Gemälde mit ähnlich gemusterten Stoffen zu einer bühnenbildartigen Situation verschmelzen. Auch Fundstücke im Sinne der Arte Povera-Objekte sind darin eingegangen: ein Notausgangs- und ein Feuerlöscherhinweisschild, ein kleiner Kelim und ein künstlicher Ficus, Klebebänder, eine Prise weißes Konfetti und der in der Werkstatt des Bochumer Kulturrats vorgefundene alte Stuhl, der zur rastend erwägenden Konzeption der einzelnen Räume für den Künstler unabdingbar war. Die Ästhetik der irritierend verschwimmenden Grenzen von Gemälden und Textilien erinnert nicht zuletzt an die Camouflage von Schiffen im Ersten Weltkrieg. Um die britische Handelsflotte vor Torpedoangriffen deutscher U-Boote zu schützen, kam der Maler Norman Wilkinson (1878–1971) auf den Gedanken, die Schiffe möglichst unsichtbar zu machen und den Feind zu verwirren, indem durch Bemalung mit bunten wilden Strukturen oder geometrischen Mustern, darunter vielfältige Zebrastreifenlineaturen, ihre Umrisse verunklärt und ihre Formen im Sinn einer Augentäuschung gebrochen werden. Die britische Admiralität griff die Ideen des Künstlers auf, setzte ihn als Leiter einer Camouflage-Sondereinheit ein, die in Kellerateliers der Royal Academy of Arts eingerichtet wurde, und erließ 1917 die Verordnung, sämtliche Handelsschiffe sowie besonders gefährdete Kriegsschiffe in dieser Weise bemalen. Bis zum Kriegsende wurde rund 4400 Schiffen der britischen Marine ein solcher Tarnanstrich verpasst. Und so ging Wilkinson als Erfinder der „Dazzle Camouflage”, des „Dazzle Painting” oder des „Razzle Dazzle” in die Kunstgeschichte ein (to razz: hänseln, necken, spotten; to dazzle: blenden, verwirren; razzle-dazzle: Kuddelmuddel). Ein sonderlicher Vorteil der künstlerischen Bemühungen ließ sich letztlich übrigens statistisch nicht nachweisen, allerdings auch kein Nachteil. Text: Carsten Roth